
Welttag der psychischen Gesundheit, 10. Oktober 2026
Psychische Gesundheit ist ein Grundpfeiler des menschlichen Wohlbefindens und bleibt doch allzu oft unsichtbar. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) lebten 2023 weltweit 1,2 Milliarden Menschen mit einer psychischen Erkrankung, also fast jeder siebte Mensch; Angststörungen und Depressionen sind dabei mit Abstand am häufigsten. Und die Belastung trifft nicht alle gleich: Frauen sind etwa anderthalbmal so häufig von Depressionen betroffen wie Männer. Dieser Unterschied hängt insbesondere mit der Last unbezahlter Hausarbeit, geschlechtsspezifischer Gewalt und fehlender Entscheidungsmacht im Haushalt zusammen.
Dennoch bleiben die Mittel weit hinter dem Bedarf zurück, gerade dort, wo die Armut am grössten ist. Laut WHO belaufen sich die öffentlichen Ausgaben für psychische Gesundheit in Ländern mit hohem Einkommen auf 65 Dollar pro Kopf, in Ländern mit niedrigem Einkommen dagegen auf kaum 4 Cent. Mangels ausreichend zugänglicher Angebote tragen oft die Familien und Gemeinschaften den Grossteil dieser Unterstützung, ohne immer über die nötigen Mittel zu verfügen, um damit umzugehen.
Dieser Kampf ist auch unserer. In den Regionen, in denen Secodev tätig ist, insbesondere in der Region der Grossen Seen in Afrika, lasten wirtschaftliche Gefährdung, Ernährungsunsicherheit und stellenweise die Folgen vergangener oder noch andauernder Konflikte der Region schwer auf dem psychischen Gleichgewicht der Familien.
Vor Ort erleben wir die Folgen jeden Tag. Laut den Psychologinnen und Psychologen unserer Projekte sind depressive Symptome bei den von uns begleiteten Familien am häufigsten, gefolgt von sozialer Isolation, geringem Selbstwertgefühl, sowie Angstzuständen. Diese Schwierigkeiten greifen oft ineinander. Nach einem Schicksalsschlag wie dem Tod eines Angehörigen verliert eine Person oder Familie einen Teil ihres sozialen Netzes und steht plötzlich allein da. Nach und nach zieht sie sich aus dem Gemeinschaftsleben, den Bauernorganisatinen oder Spargruppen zurück und verliert damit zugleich Beziehungen und Ressourcen. Weil sie die Bedürfnisse des Haushalts nicht mehr decken kann, entsteht ein Gefühl der Überforderung, das Spannungen in der Familie verschärft und mitunter häusliche Gewalt begünstigt. Für diese Familien ist psychische Not nicht bloss eine Folge der Armut: Sie kann auch ihre eigenen Bemühungen bremsen, ihr zu entkommen.
Deshalb haben wir uns entschieden, diese Dimension nicht in einem eigenen Programm zu behandeln, sondern ins Zentrum unseres Ansatzes zu stellen. Dafür setzen wir auf zwei sich ergänzende Hebel: die psychosoziale Begleitung der Familien und die Sicherung ihrer Lebensgrundlagen.
Der erste Hebel ist die psychosoziale Begleitung, die heute von unserer Methodik getragen wird: dem Integrierten Plan zur Selbstförderung (Plan Intégré pour l’Auto-promotion). Das Prinzip ist einfach: Die Familien selbst legen ihre Prioritäten fest und erarbeiten ihre eigenen Lösungen. Der Ansatz wurde von Beginn an gemeinsam mit einer burundischen Partnerorganisation entwickelt und berücksichtigt ausdrücklich das psychische Wohlbefinden. Er stützt sich auf geschulte Animatorinnen und Animatoren sowie auf die Sozialarbeitenden und Psychologinnen und Psychologen unserer lokalen Partnerorganisationen. Die Haushaltsmitglieder beginnen mit einer gemeinsamen Selbsteinschätzung ihrer Situation und entwerfen dann zusammen eine gemeinsame Zukunft. Das geschieht in einem ruhigen Dialog, in dem sich die Ehepartner die mentale Last teilen und alle, auch die Kinder, ihren Platz bei den Entscheidungen finden. Diese Begleitung ist langfristig angelegt und endet nicht an der Haustür: Der Ansatz wird auch in Bauernorganisationen und Spargruppen umgesetzt. Dort entsteht eine gemeinschaftliche Dynamik, die Isolation durchbricht und die gegenseitige Hilfe stärkt. So finden jene, die sich zurückgezogen hatten, wieder ihren Platz in der Gemeinschaft.
Auf dieser Grundlage zielt der zweite Hebel darauf ab, die Lebensgrundlagen zu sichern, und zwar durch Agrarökologie und die Begleitung unternehmerischer Tätigkeiten. Ernährungsunsicherheit und wirtschaftliche Not zählen nämlich, neben Gewalt und Ungleichheit, zu den wichtigsten von der WHO identifizierten Risikofaktoren für psychische Belastungen. Indem die Familien Praktiken wie Anbaudiversifizierung, Kompostierung, Agroforstwirtschaft oder das Sammeln von Regenwasser übernehmen, werden sie widerstandsfähiger gegenüber klimatischen Risiken und können der Zukunft gelassener entgegensehen. Die Wirkung reicht dabei weit über den Teller hinaus: Neue Techniken zu erlernen, zu sehen, wie sie Früchte tragen, oder eine eigene Tätigkeit aufzubauen, heisst auch, sich der eigenen Fähigkeiten bewusst zu werden. Das Selbstwertgefühl wächst und mit ihm die Fähigkeit des Haushalts, Unvorhergesehenes zu bewältigen. Diese Stabilität ersetzt keine psychologische Begleitung, bildet aber ihren unverzichtbaren Nährboden.
Die Ergebnisse bei begleiteten Familien in Burundi und Ruanda belegen dies. Neben gestärkten Einkommen und wiedergewonnener Ernährungssicherheit zeigen sich, Familie um Familie, entspanntere familiäre Beziehungen, ein Rückgang häuslicher Gewalt und neu gewonnenes Vertrauen. Denn psychisches Gleichgewicht entsteht nicht nur in einer Praxis: Es entsteht auch ganz konkret in einem Zuhause, in dem alle satt werden, Entscheidungen gemeinsam getroffen werden und endlich offen gesprochen wird.
Ein Welttag allein genügt nicht. Er lenkt für einen Tag die Aufmerksamkeit auf das Thema, heilt aber kein Leid, das seit Jahren verschwiegen wird, sei es aus Scheu oder weil die Worte fehlen, es zu benennen. Was sich ändern muss, liegt tiefer: im Blick auf psychische Erkrankungen, im Zugang zur Versorgung, in den Beziehungen innerhalb der Haushalte. Das lässt sich nicht verordnen. Es ist eine langsame, geduldige Arbeit, Familie für Familie. Genau diese Arbeit leistet Secodev an der Seite von Familien, die sich jeden Tag dafür einsetzen, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Und wir werden sie weit über den 10. Oktober hinaus fortsetzen.
Auch hier bei uns betrifft psychische Gesundheit uns alle: eine erschöpfte nahestehende Person, jemand am Arbeitsplatz, der sich zurückzieht, eine Phase, in der wir uns selbst überfordert fühlen. Wir wissen, wie viel es in solchen Momenten bedeutet, reden zu können und nicht allein zu sein. Genau diese Unterstützung hilft Secodev dort aufzubauen, wo sie am meisten fehlt. Wenn Sie unsere Projekte unterstützen, begleiten Sie Familien, die aus eigener Kraft Vertrauen, Sicherheit und Beziehungen um sich herum wieder aufbauen.

Mitglieder einer Kooperative junger alleinerziehender Mütter in Ruanda tanzen nach einem Theaterstück über psychische Gesundheit.